Es war einmal eine …
Berufsfachschule[1], die sich dazu entschlossen hatte, elektronische Prüfungen einzuführen. Um sicherzustellen, dass die Lehrkräfte nicht überfordert würden, wurde beschlossen, dass in einem Semester eine Lehrperson nur eine elektronische Prüfung durchführen soll. Dieser Schritt markierte einen wichtigen Übergang im Prüfungswesen der Schule und stellte einen Kompromiss dar, der sowohl die technologische Entwicklung berücksichtigte als auch die Arbeitsbelastung der Lehrpersonen im Blick behielt.
Für die Durchführung der elektronischen Prüfungen hat die Schule das LMS Moodle als Prüfungsplattform implementiert. Vor der Einführung wurde die Plattform ausgiebig evaluiert. Die Lehrpersonen erhielten die Gelegenheit, ihre Meinungen zu äussern und aktiv mitzuentscheiden, ob Moodle oder eine alternative Plattform für die Prüfungen genutzt werden sollte. Diese partizipative Entscheidungsfindung stellte sicher, dass die gewählte Lösung den Bedürfnissen und Vorstellungen der Lehrkräfte entsprach. Zusätzlich wurde eine eintägige Schulung zu Moodle durchgeführt und kontinuierlicher Support vor Ort sichergestellt, um einen reibungslosen Ablauf der Prüfungen zu gewährleisten
Man könnte nun annehmen, dass mit diesen Vorbereitungen alles auf dem richtigen Weg ist und die elektronischen Prüfungen schrittweise und ohne grössere Schwierigkeiten eingeführt werden können.
Aber passiert ist etwas anderes. Die Schulleitung erhielt Rückmeldungen, die grosse Besorgnis in der Schulleitung verursachten.
[1] Hypothetisches Szenario, die Geschichte wurde erfunden.
«Die Prüfungsplattform ist nicht intuitiv, für die Erstellung einer Prüfungsaufgabe müssen wir eine Anleitung oder ein Tutorial suchen.»
«Die Prüfungserstellung ist sehr aufwändig und steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Einzig ist eine Zeitersparnis bei der Korrektur gegeben.»
«Trotz hohem Aufwand müssen Prüfungsaufgaben so konzipiert werden, dass sie auf diese Prüfungsplattform umsetzbar sind, (vor allem Multiple Choice gut umsetzbar).»
«Wir wollen Prüfungen nicht für eine Plattform erstellen, sondern für die Lernenden!»
«Die Prüfungsplattform kann viel, aber es ist für unsere Lehrperson nicht möglich das Potenzial der Prüfungsplattform auszuschöpfen. Dies liegt an der Komplexität.»
«Die Prüfungsplattform macht keinen Spass, da es einfach zu komplex ist. Die Motivation das Tool zu verwenden ist daher stark gesunken.»
Die Schulleitung schreit auf: «Wir werden die Lehrpersonen verlieren!»
Diese Erzählung unterstreicht eindrucksvoll, wie entscheidend eine sorgfältige Vorbereitung, eine klare Kommunikation und eine umfassende Begleitung bei der Umstellung von traditionellen Papierprüfungen auf elektronische Prüfungen sind. Sie macht deutlich, dass ein erfolgreicher Veränderungsprozess nicht nur technische Veränderungen erfordert, sondern auch einen bewussten und reflektierten Umgang mit Veränderungen in den schriftlichen Prüfungen, die seit mehreren hundert Jahren auf Papier durchgeführt werden.
Der Change-Prozess «Digitale Prüfungen»
Kehren wir zu unserem hypothetischen Szenario zurück. Welche Aspekte waren fehlerhaft und wurden nicht berücksichtigt? In welcher Hinsicht fehlte es an einer gründlichen Planung und Umsetzung? Und allgemein, war der Change-Prozess (richtig) geplant?
Erstmal stellt sich die Frage, ob die Lehrpersonen die folgenden drei Kernfragen beantworten können: WARUM, WIE, WAS.
Kategorie WARUM
- Warum muss überhaupt etwas verändert werden?
- Wo wollen wir hin? Warum genau dorthin?
- Wofür sind die angestossenen Massnahmen gut?
Eine mögliche Antwort auf WARUM
Die revidierte Berufsbildungsverordnung unterstützt verstärkt den Einsatz elektronischer Prüfungsformate. Zukünftig sollen demnach auch Abschlussprüfungen in digitalem Format stattfinden. Überdies wird in sämtlichen Unterrichtsbereichen, von den einzelnen Fachdisziplinen bis hin zu den Handlungskompetenzbereichen (HKB), auf elektronische Lehrmittel zurückgegriffen. Ferner hat sich das ‚Bring Your Own Device‘ (BYOD)-Konzept in allen Stufen des Schulsystems fest etabliert. Speziell in der Berufsmaturität ist der Einsatz von Blended -Learning-Modellen geplant, welche nicht nur Lernmanagementsysteme, sondern auch spezielle Plattformen für die Prüfungsabwicklung einschliessen. Angesichts dieser fortschreitenden Digitalisierung im Bildungswesen erscheint es als folgerichtige Entwicklung, dass Prüfungen zunehmend in elektronischer Form abgehalten werden.
Kategorie WIE
- Auf welche Art und Weise werden wir die Ziele erreichen?
- Wie werden wir beteiligt?
Eine mögliche Antwort auf WIE
Elektronische Prüfungen bieten Vorteile, bringen jedoch auch Umsetzungsschwierigkeiten mit sich. Uns ist die Tragweite sowohl der Vorteile als auch der Herausforderungen, die sie mit sich bringen, vollständig bewusst.
Vorteile (unabhängig von Prüfungstools)
- Weitgehend automatische und damit schnelle Korrektur
- Automatische, statistische Auswertung der Prüfungsergebnisse
- Qualitätssicherung der Aufgabenstellung
- Einbindung von Audio, Foto/Grafiken, Animation und Video
- Objektive Bewertung
- Leichter Austausch, Wiederverwertbarkeit und Modifikation von bestehenden Aufgaben
- Bessere Lesbarkeit auch für Freitextaufgaben
Aufwand oder Herausforderungen (unabhängig von Prüfungstools)
- Technische Infrastruktur und Support am Standort notwendig
- Erstellung von didaktisch sinnvollen Aufgaben ist aufwendig
- Meist relativ hoher Vorbereitungs- und Investitionsaufwand
- Umfassende Kenntnisse zur Fragenkonstruktion nötig, sowohl technisch als auch didaktisch
- Komplexe Antworten (z. B. Freitext) zu offenen Fragestellungen können kaum automatisch ausgewertet werden
Um die Herausforderungen erfolgreich meistern zu können, sollten wir folgende Punkte berücksichtigen:
- Finanzielle Absicherung der Infrastruktur: Wir verfügen über eine sehr gute Infrastruktur und der notwendige Support ist vorhanden. Um dies aufrechtzuerhalten, ist es essenziell, die Finanzierung langfristig zu sichern.
- Kompetenzen in der Fragenkonstruktion und Didaktik: Elektronische Prüfungen erfordern eine angepasste methodische und didaktische Herangehensweise. Es ist entscheidend, dass wir lernen, wie wir didaktisch sinnvolle Aufgaben formulieren und erstellen, um qualitative hochwertige Prüfungen zu garantieren. Weiterhin müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wir Prüfungen mit Prüfungstools effektiv erstellen, durchführen und korrigieren können.
Kategorie WAS
- Was wird von uns erwartet?
- Was genau soll passieren?
Eine mögliche Antwort auf WAS
Mit der Einführung der elektronischen Prüfungen werden wir eine Effizienzsteigerung erreichen und die Bewertungsprozesse beschleunigen. Weiterhin wird es möglich sein, durch den Einsatz innovativer Frageformate und interaktiver Inhalte die Qualität der Prüfungen zu erhöhen. Wir können flexible Prüfungstermine und -formate anbieten, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Studierenden und Lernenden gerecht zu werden. Die neuen Prüfungsformate ermöglichen uns, die Chancengleichheit zu gewährleisten.
In dem Anfangsszenario lag der Fokus hauptsächlich auf der technischen Umsetzung: Die erforderliche Infrastruktur und der Support wurden bereitgestellt, die Prüfungsplattform eingeführt und eine kurze Einführungsveranstaltung dazu organisiert. Eine Lücke in der Vorbereitung wurde jedoch sichtbar: Den Lehrpersonen wurde nicht vermittelt, wie sie didaktisch sinnvolle Prüfungsaufgaben gestalten können. Diese erfordert ein Umdenken und eine Auseinandersetzung damit, dass elektronische Prüfungsaufgaben eine ganz eigene Kultur und Herangehensweise benötigen. Die Lehrpersonen sahen sich nicht nur der Herausforderung gegenüber, wie sie ihre Fragen auf die Plattform übertragen sollten, sondern standen zunächst vor der Schwierigkeit, geeignete Aufgabentypen für ihre Prüfungsfragen auszuwählen. Diese Problematik ist dabei unabhängig vom eingesetzten Prüfungstool.
Es ist entscheidend, dass sich die Schulleitung der Notwendigkeit bewusst ist, die Lehrkräfte gezielt zu befähigen. Durch speziell ausgerichtete Fortbildungsmassnahmen und eine schrittweise Herangehensweise, die frühzeitig kleine Erfolge ermöglicht, kann der Change-Prozess positiv beeinflusst werden. Eine solche Strategie unterstützt nicht nur die Lehrpersonen in ihrer professionellen Entwicklung, sondern fördert auch eine
erfolgreiche und nachhaltige Umsetzung des Wandels hin zu elektronischen Prüfungen.
Es darf nicht ausser Acht gelassen werden: Emotionen spielen in einem Change-Prozess eine zentrale Rolle und sind ganz normal. Sie zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, ist ein wesentlicher Bestandteil des Managements solcher Veränderungen.
Im nächsten Beitrag werde ich das «House of Change Model» vorstellen und einen möglichen Lösungsansatz für unser Szenario erläutern. Bleiben Sie dran, um zu erfahren, wie dieses Modell uns dabei helfen kann, die Herausforderungen und Emotionen, die mit Veränderungen einhergehen, besser zu verstehen und zu bewältigen.
