„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“ – Seneca
Die digitale Transformation von Schulen beginnt nicht mit Technologie, Tools oder Terminen. Sie beginnt mit einem ehrlichen Blick auf den aktuellen Stand – mit einer IST-Analyse (Standortbestimmung). Dieser Schritt ist kein optionales Add-on, sondern die Grundlage für alle weiteren Schritte. In diesem Artikel zeige ich, warum diese Standortbestimmung so entscheidend ist, was wir in kantonalen Projekten daraus gelernt haben und was passieren kann, wenn sie fehlt.
1. Orientierung schaffen statt Aktionismus fördern
Im Bildungsbereich herrscht oft hoher Druck, „etwas mit Digitalisierung“ zu machen. Ohne eine vorgängige IST-Analyse geschieht häufig Folgendes: Es wird viel eingeführt, aber wenig verankert – technische Lösungen prallen auf unklare Prozesse, und Beteiligte (Lehrpersonen, Schulleitungen, Verwaltung) fühlen sich überfordert oder übergangen. Mit einer IST-Analyse hingegen schaffen wir Orientierung: Wir erkennen, was bereits da ist – an Systemen, an Kompetenzen, an Haltungen – und wo konkret Entwicklungsbedarf besteht.
Ohne diese Orientierung fehlt oft ein klares Konzept. Ein aktuelles Beispiel liefert der Kanton Freiburg: Dort regte sich Widerstand gegen eine Digitalisierungsinitiative, die 75 Millionen Franken für Tablets vorsah, weil Lehrergewerkschaft und Eltern „pharaonische Ausgaben und das Fehlen eines relevanten pädagogischen Konzepts“ kritisierten. Ähnlich merkte der Bildungsforscher Prof. Dominik Petko zur Digitalstrategie in Zürich (30 Mio. für Infrastruktur) an, dass Entlastung und Weiterbildung der Lehrpersonen wichtiger gewesen wären – vielen fehle schlicht die Zeit, um ihren Unterricht digital umzukrempeln. Diese Fälle zeigen: Aktionismus ohne Klarheit über den IST-Zustand und ohne pädagogisches Gesamtkonzept führt zu Skepsis, Überforderung und eventuell Fehlinvestitionen. Eine gründliche IST-Analyse verhindert blinden Aktionismus, indem sie den Kompass für die digitale Reise liefert.
2. Sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt
Viele Schulen unterschätzen, wie unterschiedlich weit die digitale Reife ihrer Beteiligten ausgeprägt ist. Eine IST-Analyse legt offen, wo digitale Prozesse bereits gut funktionieren, aber auch wo es Redundanzen, Reibungsverluste oder Ineffizienzen gibt. So haben etwa Studien gezeigt, dass der Einsatz digitaler Medien an Schweizer Schulen extrem unterschiedlich ist – je nach Schule und vor allem je nach Lehrperson und deren Technikaffinität. Eine Untersuchung der EHB fand drei Lehrpersonentypen beim Digitaleinsatz: Die meisten nutzen digitale Technologien vor allem für einfache, passiv orientierte Lernaktivitäten, nur eine Minderheit setzt sie für wirklich konstruktiv-kreative Lernformen ein.
Eine IST-Analyse bringt solche Unterschiede und versteckten Baustellen ans Licht. Wichtig: Das ist kein Kontrollinstrument, sondern ein Spiegel – ehrlich, faktenbasiert und nützlich. Niemand wird an den Pranger gestellt; vielmehr erhalten alle einen klaren Überblick: Hier stehen wir als Schule insgesamt. Diese Transparenz bildet die Grundlage, um gezielt und gerecht weiterzuarbeiten – z.B. Fortbildungen dort anzubieten, wo Kompetenzen fehlen, oder Prozesse zu vereinfachen, wo unnötige Doppelspurigkeiten bestehen.
3. Beteiligung ermöglichen und Akzeptanz steigern
Gut gemachte IST-Analysen sind partizipativ angelegt. Sie beziehen Lehrpersonen, Verwaltungsmitarbeitende und ggf. sogar Schüler/Eltern mit ein, indem sie fragen: Wie erleben die Beteiligten digitale Abläufe im Alltag? Welche Tools werden tatsächlich genutzt – und wie? Welche Ideen und Wünsche haben die Nutzer? Wenn alle diese Perspektiven einfliessen, fühlen sich Beteiligte ernstgenommen.
Der Gewinn ist eine viel höhere Akzeptanz für die später folgenden Massnahmen, weil alle mitgenommen wurden. Wie wichtig Beteiligung ist, betonen auch Schulentwicklungs-Expert:innen: Die Einbindung aller relevanten Akteur:innen steigert die Akzeptanz von Veränderungen und sorgt dafür, dass Lösungen besser auf die Bedürfnisse abgestimmt und langfristig tragfähig sind. Gerade bei digitalen Transformationsprojekten empfiehlt es sich, Lehrkräfte, pädagogisches Personal und weitere Betroffene früh einzubinden, um einen tiefgreifenden Kulturwandel zu erreichen. Mit einer partizipativen IST-Analyse legen wir genau diesen Grundstein – alle sehen den Status quo und können gemeinsam über Ziele und nächste Schritte diskutieren. So entsteht Bereitschaft, die Veränderungen auch mitzutragen.
4. Strategie braucht Substanz – Daten statt Bauchgefühl
Ohne IST-Analyse basiert die Digitalstrategie einer Schule oft auf Bauchgefühl oder externem politischem Druck. Mit einer vorausgehenden IST-Analyse hingegen entsteht eine datenbasierte Entwicklungsroadmap: Wir wissen aus Fakten, wo wir ansetzen müssen. Konkret liefert die Analyse klare Handlungsfelder (z. B. Dokumentenmanagement, Kommunikationswege, Weiterbildung) und eine fundierte Basis für Budget- und Ressourcenplanung.
Empirische Befunde untermauern diesen Ansatz: Laut einer Schweizer Studie ist die Zielklarheit bei der Digitalisierung ein zentraler Erfolgsfaktor – Schulen mit klaren, kommunizierten Zielen und Kriterien verzeichnen signifikant bessere lernwirksame Unterrichtsaktivitäten sowie positivere Einstellungen und höhere digitale Kompetenzen bei ihren Lehrpersonen. Umgekehrt berichten viele Lehrpersonen, dass die Digitalisierungsziele an ihrer Schule nicht klar sind – hier fehlt also die Substanz, und es wird schwierig, einen gemeinsamen Kurs zu halten. Eine IST-Analyse schafft diese Substanz, indem sie die Grundlage für eine gemeinsame Vision und Strategie legt. Schulen können die digitale Transformation dann gezielt mit den pädagogischen Lernzielen verknüpfen und allen Beteiligten klar kommunizieren, wohin die Reise gehen soll. Dies ist unabdingbar, denn die digitale Schulentwicklung erfordert eine geteilte Vision und Kultur des Wandels im ganzen Kollegium.
Ein Blick in die Praxis zeigt, dass Kantone diesen datenbasierten Ansatz fördern: So hat etwa der Kanton St. Gallen alle Schulen verpflichtet, zu Projektbeginn eine Standortbestimmung vorzunehmen – nicht als bürokratische Übung, sondern um Einblick zu erhalten, wo die einzelne Schule in ihrem Prozess steht, und um den Schulen eine Orientierungshilfe für die Planung zu geben. Der Kanton Basel-Stadt stellt den Schulen einen umfassenden Orientierungsraster zur Verfügung, mit dem sie entlang definierter Entwicklungsfelder ihren IST-Zustand evaluieren können. Die Schule erkennt so, wo sie steht und wohin sie sich entwickeln soll, und erhält eine konkrete Planungs- und Entscheidungsgrundlage. Diese Beispiele zeigen: Strategie ohne IST-Analyse wäre wie Navigieren ohne Kompass – es fehlt die verlässliche Grundlage.
Was passiert, wenn wir darauf verzichten?
Leider haben wir in der Praxis auch Projekte erlebt, in denen direkt losgelegt wurde – ohne vorgängige Standortbestimmung. Die Folgen sind oft ernüchternd: Widerstand von Lehrpersonen (die sich nicht abgeholt fühlen oder keinen Sinn in den Massnahmen sehen), Überforderung der Verwaltung (die plötzlich mit unkoordinierten neuen Tools umgehen muss), Frust bei der Implementierung neuer Technologien und mitunter sogar Rückschritte in der Schulentwicklung, weil man ohne Plan am falschen Ende ansetzte. So ein blindflugartiger Start kann dazu führen, dass teuer beschaffte Geräte im Schrank liegen bleiben oder parallel weiter im alten Modus gearbeitet wird, da kein gemeinsames Verständnis für den Wandel besteht.
Das Weglassen der IST-Analyse ist vergleichbar mit dem Verzicht auf eine Standortbestimmung vor einer Reise: Man setzt Segel, ohne zu wissen, von wo man startet – und wundert sich, dass man im Kreis segelt oder auf Grund läuft. Die oben genannten Beispiele aus Freiburg und anderswo unterstreichen dies deutlich: Ohne klare Ausgangsanalyse fehlt ein überzeugendes pädagogisches Konzept, was direkt zu Widerständen und Fehlsteuerungen führen kann. Auch der Rückhalt bei den Lehrpersonen bröckelt, wenn ihnen Zeit und Orientierung fehlen.
Fazit: Die IST-Analyse ist kein Add-on – sie ist der erste Schritt
Wer heute eine Schule erfolgreich führen und entwickeln will, braucht Klarheit über den Ausgangspunkt. Die IST-Analyse ist der Kompass, der diese Klarheit schafft. Sie ist weder kompliziert noch zeitaufwändig, aber sie wirkt: Sie schafft Vertrauen, Orientierung und ein gemeinsames Verständnis im Kollegium. Nur wer genau weiss, wo er steht, kann entscheiden, wohin er will. Schulen, die diesen ersten Schritt machen, legen damit den Grundstein für eine nachhaltige digitale Transformation – zielgerichtet statt aktionistisch, partizipativ statt top-down, und substanziell fundiert statt auf Sand gebaut.
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